“Berlin ist tot” – wie Berlins Clubkultur sich in Rekordzeit abschafft

Zwei junge Raverinnen aus Berlin berichten, wie sich die Technoszene der Hauptstadt seit Corona verändert hat

Angelika und Ronja sind 26 und 27 Jahre alt, studieren und leben seit einigen Jahren in Berlin. Vor Corona waren sie viel in den Clubs unterwegs, aber mit den Corona Maßnahmen brachen andere Zeiten an.

“Raven ist für mich schon immer ein Ritual gewesen, ein Ausgleich vom Stress da draussen,” berichtet Angelika, die Psychologie studiert. “Da kann man die Seele baumeln lassen und sich fallen lassen, ein wichtiger Ausgleich, um klarzukommen.” 

“Leider”, sagt ihre Freundin Ronja, “ist das inzwischen kaum noch möglich. Die Räume in der einstmaligen Kulturhauptstadt werden eng, die meisten Clubs sind entweder zu oder öffnen nur unter extrem gewöhnungsbedürftigen Bedingungen. Berlins Clubszene sei “so gut wie tot”, so empfinden es die beiden. “Das ist total grotesk”, sind sich beide einig – “was früher richtig dreckige, eher schummrige Tanzclubs im positiven Sinne waren, da versucht man jetzt auf Teufel komm raus ne Küche reinzuzimmern und die Leute essen dann schlechtes Essen bei Kunstlicht, das ist nicht mehr so das Wahre, mit Feiern hat das jedenfalls nichts mehr zu tun.”

Ohne Daten kein Einlass

Schon beim Einlass wird es kritisch. “Die Tür war ja schon immer so eine Sache”, sagt Geli. “Aber jetzt muss man dort auch noch seine Daten abgeben und das macht einfach niemandem Spass. Eigentlich ist Clubbing ja etwas, das von der Anonymität lebt. Das Gefühl sich erstmal nackig zu machen ist schon eklig.” Die meisten Berlinerinnen und Berliner scheint das aber nicht abzuhalten. “Was soll man schon machen, zu Hause bleiben ist ja auch keine Lösung, die meisten verdrängen den Scheiss einfach nach dem Motto: wir sind eh schon gefickt, was macht es da schon für nen Unterschied, wenn ich meine Daten preisgebe.” Auf die Frage, ob sie wüssten, was mit ihren Daten passiere, schüttelten beide den Kopf: “Kein Plan.”

Das Intime, Familiäre bleibt auf der Strecke

Früher waren die beiden öfters in Berlins bekanntestem Club, dem Berghain, wo inzwischen auch wieder Parties mit Hygienekonzept stattfanden. “Dort haben alle Masken auf dem Dancefloor getragen. Als ich das gesehen habe, bin ich rückwärts wieder rausgestolpert, das war ein echter Schock.” berichtet die 26 jährige. Berlins Clubkultur schaffe sich gerade selber ab. “Das, was das Feiern im Kern ausmacht, geht gerade maximal verloren. Man hat den Eindruck, die Clubs verraten sich selbst. Da ist nichts Intimes mehr, nichts Familiäres, man bekommt das Gefühl es geht letzten Endes auch den Clubs nur ums Geld oder darum, nicht pleite zu gehen.” Was sich die beiden allerdings fragen ist, warum die Szene sich bisher nicht lauter gegen die Willkür Politik zu Wort gemeldet habe.

Abdriften in die Illegalität

Viele Partygängerinnen und Partygänger Berlins werden durch die fragwürdige Politik inzwischen in die Illegalität gezwungen, wenn sie nachts mit anderen Menschen ohne Auflagen tanzen wollen. So hat sich beispielsweise der Volkspark Hasenheide zu einem Hotspot für illegale Raves an den Wochenenden entwickelt. Auf die Frage, ob es Ihnen nichts ausmache, sich ausserhalb des Erlaubten zu bewegen, entgegnet die jüngere von beiden: “Es gibt gewisse Dinge, auf die werde ich nicht verzichten. Und Feiern gehört definitiv dazu. Ein Leben ohne Feiern, ist kein lebenwertes Leben. Das kann man den Menschen nicht wegnehmen, das funktioniert nicht.” Angelika fühle sich an die Zeit der sogenannten “Speakeasies” erinnert, die es in Zeiten der Prohibition gegeben habe. Das waren geheime Kneipen, in denen man sich traf, während die offiziellen Kneipen geschlossen blieben.  “Es hat auch seinen Reiz, etwas Verbotenes zu tun. Aber ehrlich gesagt könnte ich darauf gut verzichten. Wenn eigentlich liberale Lebensbereiche plötzlich kriminalisiert werden, was sagt das dann über die Tendenz aus, in die wir als Gesellschaft driften?” Eine Frage, die man sich durchaus stellen darf, in diesen Zeiten.

Die Verlogenheit ist spürbar

“Im Sommer war ich auch mehrmals auf so Raves mit ca 300 Menschen, das wurde dann als Geburtstag getarnt, falls das Ordnungsamt gekommen wäre. Also man überlegt da schon, wie man sich selbst die Weste möglichst rein hält, klar hat man Angst vor den heftigen Geldstrafen.” berichtet Angelika. Auf diesen Parties, auf denen die Menschen dann dicht an dicht tanzen und ganz normalen Kontakt miteinander haben, ist man sich dann allerdings eher einig, dass die Massnahmen eh total unverhältnismäßig sind. Seit Monaten finden ja all diese Kontakte statt, auch in den Parks, in den Schwimmbädern usw. Aber wenn man dann am Montag nach dem Feiern wieder auf der Arbeit oder im Studium ist, da lässt man das natürlich nicht blicken, aus Angst anzuecken.” Die beiden grinsen. “Irgendwie ist das schon ganz schön verlogen alles, aber das passt ja auch zur aktuellen Politik.” Ja, den Eindruck bekommt man bei der ganzen Sache möglicherweise. 

Ein Kommentar

  1. Thomas Wagner
    27. Oktober 2020
    Antworten

    Ich kenne kaum jemand der von Corona betroffen ist, schon gar keinen der verstorbenen ist, aber viele die starke Einbußen haben oder gar arbeitslos geworden sind. Lasst uns weiter leben…..

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