Null Infektionen, null Realitätssinn

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Null Infektionen: Das ist für viele das Ziel. Der Wahn nimmt immer groteskere Züge an. Die #ZeroCovid-Gemeinde ist eine spirituelle Erweckungsbewegung, die sich in die metaphysische Revolte begeben hat.von Roberto J. De Lapuente bei neulandrebellen.de

Das Infektionsgeschehen erreicht einen kritischen Zustand. Gemeint ist das nicht virologisch – sondern mental. Wollte man zunächst noch die Kurve abflachen, schlägt jetzt die Stunde Null. Zero Infektionen müssen es schon sein. Zero, Null, nada, niente: Man ist bescheiden. In den Netzwerken liest sich das dann so: #ZeroCovid. Hashtag muss sein. Dahinter verbirgt sich ein recht verqueres Denken. Man müsse die Zahlen so weit drücken, dass sie rückverfolgbar sind. Dazu sei jetzt jedes Beschränkungsmittel recht, der härteste denkbare Lockdown notwendig. Danach wird gelockert und überwacht.

The Good, the Bad and the Ugly

Nun hat die Pandemie wohl endgültig die Zone des Realistischen verlassen, um ins Wahnhafte, ins Metaphysische abzurutschen. Kein Wunder, dass unter den wenigen Prominenten, die #ZeroCovid für angebracht halten, Tgtträumerinnen wie Margarete Stokowski oder Luise Neubauer mitmischen. Das Bekenntnis des Staatsvirologen Drosten lässt aber schlimme Befürchtungen aufkommen. Wer die Welt als Wille und Vorstellung interpretiert, wer die Wirklichkeit für etwas hält, dass man nur lange genug explizieren muss, um mit ihr ins Reine zu kommen, kann freilich nur zu dem Schluss gelangen, dass sich auch so ein Infektionsgeschehen einfach nur mit flotten Parolen und ideologischer Hartnäckigkeit effektiv eindämmen lässt.

Zwischen Realismus und Realitätsverweigerung zieht sich ein tiefer Graben. Und nicht nur etwa jener klassische, der zwischen richtig und falsch, wahr und unwahr oder »So ist es!« und »So ist es nicht!« erklärt. Nein, die beiden Entitäten sind mittlerweile mehr als alles andere moralisch aufgeladen. Der realistische Blick auf die Dinge wird viel zu oft mit dem Schlechten, dem Verdrossenen, einer Verweigerung auf selbstverordneten Optimismus konnotiert. Wer Dinge, Situationen und Ereignisse realistisch einschätzt, kommt in dieser Interpretation nicht bloß schlecht, sondern geradewegs als Schlechter weg. Erleben durfte man das bei kritischem Hinterfragen der Flüchtlingspolitik, bei Anmerkungen zur Realisierbarkeit des Klimawandels, Sexismus-Debatten oder eben nun aktuell bei der Kritik an überzogenen Corona-Maßnahmen.

Wer sich hingegen diesen Realitäten verschließt, der labelt sich als guter Zeitgenosse, als einer, der sich den fröhlichen Blick bewahrt hat, als Gegner dieses widerlichen Pessimismus‘, den man für das größte Übel unserer Zeit hält. Denn die Welt könnte so viel besser sein: Wenn man es nur wollte und einem nicht immer diese doofe Realität und ihre miesepetrigen Analysten in die Quere kämen. Realitätsverweigerung ist keine Naivität mehr: Sie scheint oberste Bürgerpflicht zu werden. Wer sich nicht an sie hält, macht sich verdächtig, outet sich als hässlicher Gestriger, der einfach nicht in die schöne neue Welt aufbrechen will.

Das Absurde oder Die Realitätsverweigerung der Guten©

Dabei ist dieser Aufbruch so einfach. Man muss sich die Welt von morgen einfach nur herbeidenken und auf die Wirklichkeiten, die sich vor einem auftürmen, nicht zu viel Energie verschwenden. Die Guten© – nur original mit dem Copyrightzeichen – fragen nicht nach Realisierbarkeit oder Realitätsbezug, sie fragen zum Beispiel nicht, ob Mobilität durch Strom unsere Welt wirklich so viel besser macht oder Klimaneutralität überhaupt umsetzbar ist – und sie stellen auch keine störenden Fragen, wenn Seuchenschutzmaßnahmen bis tief in die menschliche Kondition einwirken, den Menschen als soziales Wesen ignorieren: Teile dieser anthropologischen Wahrheiten verunsichern doch bloß.

Realitäten scheinen für die Guten© lediglich dazu da zu sein, um ignoriert zu werden. Sie behindern den Diskurs, lähmen die Debatte und deprimieren durch Komplexität. Es wäre also so viel besser, wenn es sie nicht gäbe. Wenn man sie ausklammert und an ihnen vorbeilaviert. Schließlich darf man sich nicht den Stempel aufdrücken lassen von irgendwelchen Gegebenheiten und Faktizitäten. Hieß es einst mal, man habe gegen alle Widerstände etwas durchgesetzt, gilt jetzt nur noch der Versuch als gebührlich, etwas an allen Widerständen vorbei zu initiieren.

Ist das nicht eigentlich das klassische Dilemma zwischen Realos und Fundis, das wir hier ansprechen? Jenes uralte Ringen zwischen Realisten und Utopisten? Mag schon sein – was sich aber hier vom Utopismus unterscheidet, der einem spontan in den Sinn kommt, wenn man an Utopien denkt, ist der Umstand, dass er ins Transzendente tendiert, Naturgesetzlichkeiten aufzulösen trachtet und sich damit eine kultische Note verleiht. Es ist nämlich ein Unterschied, ob man sich ein anderes Wirtschaftssystem imagniert oder das Nano-Geschehen von Viren neu ausrufen möchte. Zwischen den Frühsozialisten Proudhon oder Saint-Simon und Luise Neubauer (oder auch dem Virologen Drosten), die diesem kruden Zerocovidismus frönen, gibt es einen gravierenden Unterschied: Staats- und Gesellschaftssysteme sind nämlich gestaltbar.

Die Überwindung der Wissenschaft

Nicht ohne Komplikationen und Widerstände freilich. Nicht leichtfertig. Manchmal braucht es Gewalt – und dann klappt es immer noch nicht. Mehr darüber findet sich in Geschichtsbüchern. Aber theoretisch ist so ein utopischer Ansatz dennoch denkbar, Systeme von Menschenhand kann man neu ausrichten oder einstampfen. Für Mirkoorganismen, für ein breites Infektionsgeschehen gelten allerdings andere Regeln. Recht undurchsichtige zuweilen, die man aufgrund dieser Undurchsichtigkeit mittels nicht sehr effektiver Regeln bekämpft. Um gegen virologische Wahrheiten in die Revolte zu gehen, muss also zwangsläufig den Boden des schnöden Materialismus verlassen und in Überirdischen, ja im Quasispirituellem enden.

Der Philosoph Albert Camus hat diese beiden Formen der Revolte unterschieden. Für ihn galt die eine als historische Revolte – die andere war zwangsläufig metaphysisch. Sie zeigte sich als Auflehnung gegen das Absurde, haderte mit dem Unabänderlichen, lehnte sich gegen Gott – was immer das ist – auf. In unserer Zeit spricht man bekanntlich selten von Gott. Seine Position haben andere Größen eingenommen. Das Finanzsystem ist in die Rolle göttlicher Allmacht gerückt. In den letzten Monaten konnte man den Eindruck bekommen, dass die göttliche Beliebigkeit durch die wissenschaftliche Genauigkeit – wenn es die gibt? – ersetzt wurde. Und es ist bezeichnend, dass die Befürworter dieses neuen Gottes jetzt mit absurden Vorstellungen genau dagegen rebellieren.

Dieses Stochern in der Metaphysik der Dinge macht die Absurdität des pandemischen Diskurses klar, der uns jetzt über Monate eingeimpft wurde. In der NZZ konnte man unlängst über das Versagen der Medien lesen. Sie hätten von Anbeginn an die Vorstellung genährt, man könne mit irgendwelchen sinnvollen oder weniger sinnvollen Methoden das Infektionsgeschehen kontrollieren und wegverwalten. Dass das nicht klappt, dass Pandemie auch ein Stück weit heißt, es aussitzen zu müssen, sieht man immer deutlicher. Darüber kann man wahnsinnig werden, wenn man es sich nicht eingestehen wil. Was liegt da näher als metaphysisch zu revoltieren? #ZeroCovid ist ein Eingeständnis, dass die Wissenschaft vielleicht nicht tot ist – aber halt auch kein genau tickender Gott sein kann. Es ist die logische Folge jenes Teiles der Gesellschaft, der sich jetzt seit Monaten im Panikmodus und Hysterie hat drängen lassen.


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