Renaissance der Menschlichkeit

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Ein Gastbeitrag von Margit Geilenbrügge

Wenn wir uns in dieser Krisenzeit auf uns besinnen, geben wir dem gesellschaftlichen Ganzen neue Entwicklungsimpulse. 

Seit Menschengedenken versuchen wir nun schon, unsere Probleme im Außen zu lösen, und verstehen nicht, dass wir selbst deren Ursache sind. Wir können diesen Zusammenhang nicht durchschauen, weil wir den Kontakt zu uns selbst verloren haben. Abgeschnitten von unserem innersten Wesen, fehlt uns die Orientierung für unser Leben. Wir irren umher wie Schafe, die sich von der Herde entfernt haben und nun nicht mehr nach Hause finden. Am Wegesrand lauern aber schon die Beutegreifer. 

Verführbar für jedes Angebot, das Rettung verspricht, werden wir zur leichten Beute für selbst ernannte Führer, die behaupten, sie wüssten, was für uns gut ist. Aber nicht die Pläne einiger größenwahnsinnig gewordener Global Leader, die Gott spielen und sich die Welt und uns Menschen nach ihren Vorstellungen neu erschaffen wollen, können das Drehbuch für die jetzige Krise liefern. Wir alle zusammen und jeder Einzelne von uns entscheidet darüber, wo es für uns langzugehen hat. 

Damit uns dies gelingt, müssen wir zurück in die Vergangenheit. So wie man sich zur Zeit der Renaissance auf das antike Erbe, auf die Vernunft und die Humanitas, das dem Menschen Gemäße besann, so müssen auch wir zurück zu dem uralten Satz, dem göttlichen Rat, der sich den Pilgern im antiken Griechenland darbot, wenn sie den Apollontempel in Delphi betraten: „Gnṓthi seautón!“, „Erkenne Dich selbst!“ 

Unser innerstes Selbst ist das Schlachtfeld, der Kampfplatz, auf dem sich unsere Zukunft entscheidet. Hier erleben wir gerade den Angriff auf unser Menschsein, auf unsere Selbstbestimmung, unser Verbundensein und unsere Würde. Wir sollen umerzogen werden zu gehorsamen Untertanen, die nicht selbst denken, keine kritischen Fragen stellen, sondern sich fügsam den Herrschenden unterordnen, sich willig ihren Maßnahmen unterziehen.

Damit unsere stärkste Waffe, unsere Menschlichkeit, eine Chance hat, müssen wir bereit sein, den Weg der Selbsterkenntnis und Selbstentfaltung zu gehen. Wir müssen im psychologischen Sinne erwachsen werden und Verantwortung für uns selbst und für einander übernehmen. 

Dazu ist es nötig, unseren „Schatten“, die seelischen Verletzungen aus Kindertagen, aufzuspüren und aufzulösen. Denn er trübt unser Bewusstsein und hindert uns an der vollen Menschwerdung. Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Zeit dafür, mit unserem Leben ernst zu machen, die Wiedergeburt unsere Menschlichkeit einzuleiten und so der Menschheit eine neue Chance zu geben?

Die Träume von einer friedlicheren und gerechteren Welt, in der sich alle Menschen frei und selbstbestimmt entfalten können, sind in weite Ferne gerückt. Wir stehen vor dem Scherbenhaufen unserer Zivilisation. Demokratie und Rechtsstaat, die Bollwerke gegen Totalitarismus und Diktatur, zerbröckeln vor unseren Augen. Wie konnte das alles passieren? Wie sind wir da reingerutscht? 

Die Demokratieillusion

Lange haben wir geglaubt, Demokratie und Kapitalismus wären miteinander vereinbar. Für eine kurze Zeit in der Geschichte der Bundesrepublik sah es ja auch so aus, als könnte das ungleiche Machtverhältnis zwischen Kapitalbesitzern und lohnabhängig Beschäftigen in eine bessere Balance gebracht werden. Denn in der Zeit des Nachkriegsbooms konnten starke Gewerkschaften höhere Löhne, mehr Mitbestimmung und mehr sozialstaatliche Leistungen durchsetzen. 

Auch die Demokratie schien Ende der 1960er-Jahre aufzublühen und der neugewählte Bundeskanzler Willy Brand traute sich den legendären Satz sagen: „Wir wollen mehr Demokratie wagen!“ (1). Doch die Zeit der Sozialen Marktwirtschaft währte nicht lange. 

Großkonzerne übernehmen die Herrschaft

Mitte der 1970er-Jahre begann der Umbau der Gesellschaft nach neoliberalem Muster durch Privatisierung, Deregulierung des Finanzmarktes und den Abbau des Sozialstaates. Durch ihre nahezu uneingeschränkte Bewegungsfreiheit auf dem globalen Markt häuften die Großkonzerne eine immense ökonomische Macht an. Jeder demokratischen Kontrolle und Rechenschaftspflicht enthoben sind, wurden sie zu den wirkmächtigsten ökonomischen, aber auch politischen Akteuren. Denn es gelang ihnen, ihre ökonomische Macht in politische Macht zu transformieren. 

Wie das aussieht, konnten wir in der Finanzkrise von 2008 bis 2009 alle erleben. Als die Spekulationsgeschäfte der Großbanken das Weltfinanzsystem ins Wanken brachten, bezahlte der Steuerzahler die Rechnung. Dank Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück konnten die Finanzkonzerne mit einer Unterstützung von rund 60 Milliarden Euro aus der deutschen Staatskasse rechnen (2). Was passiert, wenn die Digital- und Pharmakonzerne die Herrschaft im Staat übernehmen, erleben wir gerade jetzt. 

Der Angriff auf unser Menschsein

Im Neoliberalismus, so der Kognitionsforscher Rainer Mausfeld, ging es nicht nur um die Instrumentalisierung des Menschen für wirtschaftliche Zwecke. 

Es ging, wie Margaret Thatcher es formulierte, um den „Kampf um Herz und Hirn“, um die Beherrschung unseres Selbst und damit um die Ausschaltung unseres Freiheits- und Widerstandswillens (3). 

Wie sich dieser Kampf um unser Selbst anfühlt, erleben wir gerade am eigenen Leibe. All das, was uns als Mensch ausmacht: ein selbstbestimmtes Leben, körperliche Nähe, Geselligkeit, Kultur, Reisen wird uns entzogen.

Mit der Weiterentwicklung des Neoliberalismus zum Überwachungskapitalismus stehen mit Künstlicher Intelligenz, Gen- und Nanotechnologie nun ganz neue Möglichkeiten der Kontrolle und Herrschaft zur Verfügung. Auch hier zeigt sich die Regierung als treue Dienerin der Konzerne. Als Agentin der Pharmakonzerne will sie uns in ein gentechnisches Experiment hineinpressen, das „Impfung“ genannt wird. Wer nicht teilnehmen will, wird mit dem Entzug der Grundrechte bestraft. Warum gibt es keinen Aufschrei in der Bevölkerung? Warum lassen wir uns lieber wie Schafe zur Schlachtbank führen, als mutig für unser eigenes Leben und unsere Freiheit einzustehen? 

Rainer Mausfeld nennt dafür Gründe wie die Aushöhlung der Demokratie, die Verengung des öffentlichen Debattenraums, die Manipulation der öffentlichen Meinung durch Ideologien, Angststrategien und Soft Power, einer Form „psychologischer Kriegsführung gegen die Bevölkerung“, die die Schwachstellen unseres Geistes ausnutzt, ohne dass wir es bemerken (4). Doch es gibt noch eine weitere Ursache für unsere Duldungs- und Hinnahmebereitschaft. Sie liegt in unserer Biographie begründet: 

Wir haben es mehrheitlich noch nicht geschafft, im psychologischen Sinne erwachsen zu werden. Wie Kinder projizieren wir unsere eigene Macht immer noch auf Autoritäten wie den Vater Staat, die Alma Mater und ihre wissenschaftlichen Experten oder Mutter Kirche. Wir verlassen uns auf sie in einer Weise, wie wir uns damals auf unseren Eltern verlassen haben.

Die Geschichte der menschlichen Emanzipation ist lang.

Vor etwa 2.500 Jahren, in der archaischen Periode Griechenlands, erwachte der Mensch zum ersten Mal zu Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung. Ein neues Bewusstsein dämmerte herauf: Logos, die Vernunft, begann das mythische Denken abzulösen (5). 

Ein zentrales Element des mythischen Bewusstseins war die gehorsame Unterwerfung der Menschen unter die Götter. Die Götter boten Schutz und Sicherheit, verlangten im Gegenzug dafür aber auch Unterwerfung und Gehorsam. Um sich ihre Gunst zu erhalten und aus Angst vor ihrer Strafe brachte man ihnen Opfer dar; zunächst Menschenopfer, später Tieropfer.

Der Übergang in das neue Zeitalter der Vernunft ging mit großen gesellschaftlichen Umbrüchen und persönlichen Verunsicherungen einher. Die bestehende gesellschaftliche Struktur, die aus Großfamilien bestand, zerbröckelte. Die Familien wuchsen zu Stadtstaaten zusammen. Es reichte nun nicht mehr, seine Identität aus der Zugehörigkeit zu einer Familie zu beziehen. Man musste Vater und Mutter verlassen und sich selbst entscheiden, wer man im Gefüge einer neugegründeten Stadt sein wollte. 

Der Apollontempel in Delphi war das Symbol für dieses neue Zeitalter. Denn der Gott Apoll stand für das Lichte des Geistes, für Selbsterkenntnis und für eine gerechte, harmonische Ordnung. Sein Symbol war die Sonne (6). „Wer bin ich?“, fragten sich die gebildeten Menschen der Antike. „Wer bin ich jenseits von Vater und Mutter und all denen, die sich als Elternautoritäten über mich erheben wollen?“ 

Ein Beispiel für diesen inneren Konflikt zwischen Zugehörigkeit und Autonomie war Sokrates. Er weigerte sich, die Götter anzubeten und sich so der Staatsideologie unterzuordnen. Er starb damit im Namen der emanzipatorischen Vernunft. 

Den verlorenen Schatz, den es zu finden gilt, ist unser Selbst

Das Erwachsenwerden ist schwierig und muss von jedem Menschen immer wieder neu vollzogen werden. Ein chassidischer Gelehrter formuliert diesen Prozess der Reifung und Selbstwerdung so: 

„Geh aus der Trübung, die dir dein Vater angetan hat. Geh aus der Trübung, die dir deine Mutter angetan hat. Geh aus der Trübung, die du dir selbst angetan hast in das Land, das ich Dir zeigen werde.“ 

Das Elternhaus zu verlassen heißt nicht, den Eltern den Rücken zu kehren. Es heißt im Gegenteil, unser Verhältnis zu ihnen zu klären, damit wir nicht weiter in unbewusster Weise von ihnen abhängig bleiben. Dazu gehört auch, dass wir das ganze Ausmaß der seelischen Verletzungen erkennen, das wir in Kindheitstagen erlitten haben. Einen Weg an diesem Leid vorbei gibt es nicht. Aber es gibt einen Weg durch das Leid hindurch. 

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit (Clemens Kuby)

Ursprünglich fließt der Strom der „Urliebe“, wie der Traumaforscher Franz Ruppert sagt, spontan zwischen Eltern und Kind. Das Kind empfindet in ganz natürlicher Weise Liebe zu seiner Mutter und zu seinem Vater. Seelische gesunde Eltern erwidern diese Liebe ebenfalls spontan. Damit wird der Nährboden für eine gesunde Ich-Entwicklung gelegt. Der Mensch fühlt sich in der Welt willkommen und mit der Welt verbunden (7). 

Die meisten von uns sind nicht in dieser heilen Welt aufgewachsen, sondern haben Lieblosigkeit, Ablehnung oder noch Schlimmeres erlebt. Aber nicht nur unsere eigenen traumatischen Erfahrungen müssen aufgearbeitet werden. Auch das transgenerationale Erbe, die unbewältigten Erlebnisse unserer Vorfahren aus Krieg, Diktatur, Vertreibung, autoritärer Erziehung oder Ähnlichem belasten unsere Seele (8). Wenn ich bereit bin, meine Familiensituation zu reflektieren und die alten, schmerzhaften Kindheitserfahrungen aus meiner Erwachsenenperspektive noch einmal neu zu durchleben, kann ich den alten Schmerz auflösen.

Ich erkenne dann: Meine Mutter war gar nicht in der Lage, besser für mich zu sorgen, weil sie selbst Opfer einer Traumatisierung war. Aus diesem tiefen Verstehen heraus erwächst mein Mitgefühl für sie. Ich sehe mich nun im Leid mit ihr verbunden. Damit aber ist die ursprüngliche Verbindung zwischen uns wieder hergestellt, die Urliebe kann wieder fließen. Die Familiengeschichte wurde von mir neu geschrieben. Ich fühle mich wie neu geboren, erlebe mich freier, mitfühlender und selbstbewusster als zuvor (9).

Die Sonne der Klarheit löst den Nebel der Verwirrung auf.

Noch einmal zurück nach Griechenland. In den 1950er-Jahren verfasste dort der Dichter und Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg Odysseas Elytis sein Epos To Axion Esti (Gepriesen sei), das von Mikis Theodorakis vertont wurde. Es stellt — symbolhaft für die ganze Menschheit — das Leben, den Freiheitskampf, den Tod und die Unsterblichkeit des griechischen Volkes dar (10).

Elytis benutzt unter anderem Stilelemente der orthodoxen Liturgie, greift auf die Dichtung der Antike und Motive aus der mythischen Periode Griechenlands zurück. An einer der berührendsten Stellen des Werkes erzählt er von den rituellen Opfern, die in dieser Zeit erbracht wurden, um dem Leben eine neue Chance zu geben. Auch hier taucht wie im Apollontempel in Delphi das Symbol der Sonne auf. Damit nach der Dunkelheit des Winters die Sonne wieder scheinen und mit ihrer Wärme die Erde fruchtbar machen konnte, mussten Menschenopfer dargebracht werden.

„Nur eine einzige Schwalbe, der Frühling er kostet viel
Dass wieder Sonne zurückkehrt (…) ist nötig der Toten Flut
Die Lebenden sind notwendig, sie geben ihr Opferblut“ (11).

Elytis erinnert damit symbolisch an die Menschen, die im Widerstand gegen ein Willkürregime gestorben sind, aber auch an die vielen sinnlosen Opfer der Kriege „für Volk und Vaterland“. Damit in unseren Tagen die Sonne der Klarheit, des kritischen Geistes und der gerechten, menschlichen Ordnung wieder aufgehen kann, sind auch wir aufgefordert, Opfer zu bringen. 

Wir opfern aber weder unser Leben und unsere Freiheit für eine Staatsideologie noch opfern wir unsere Gesundheit für die Profite der Pharmaindustrie. Wir opfern die schmerzhaften Erfahrungen aus Kindheitstagen, die uns am vollen Menschsein hindern.

Diese Opfer sind wie alle Opfer schmerzhaft, aber sie machen uns menschlicher, autonomer und öffnen uns neue Wege in die Zukunft. Sie sind ein Geschenk an uns selbst und an die Gesellschaft. Denn es gilt: Je menschlicher und autonomer der Einzelne, umso menschlicher und autonomer das gesellschaftliche Ganze. 


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