Der Druck setzt zwischen der vorletzten und der letzten Straßenecke ein, genau da, wo der Asphalt von der Laterne in dieses pissgelbe Licht getaucht wird, das er früher mal romantisch fand. Vier Bier, vielleicht fünf. Ein Gin Tonic, von dem er bis jetzt nicht zugegeben hat, dass es ein Gin Tonic war. Die Blase meldet sich nicht laut. Sie meldet sich vornehm, mit dieser leisen, drängenden Geste eines Oberkellners, der sagt: Bitte sehr, Sie waren ja so freundlich, jetzt wäre dann mal Zeit.
Links der Park, dahinter die schwarze Masse der Bäume, davor die Hecke, die den Rand säumt. Rechts die Altbaufassaden, dunkle Fenster, ein geschlossener Späti, parkende Autos Stoßstange an Stoßstange. Geradeaus, achthundert Meter, seine Wohnung, in der das Flurlicht brennt, weil er es immer brennen lässt, bevor er abends weggeht — damit ihn nicht völlige Dunkelheit empfängt, wenn er später kommt.
Er bleibt stehen.
Vor zehn Jahren wäre das keine Szene. Vor zehn Jahren wäre das ein Reflex gewesen, eine Frage von zwei Schritten in den Busch, das Geräusch, das man kennt, das warme Aufatmen, das kleine, alberne Lächeln über sich selbst, und weiter. Vor zehn Jahren hätte er noch nicht mal gemerkt, dass er entschieden hat. Es wäre keine Entscheidung gewesen. Es wäre Physik gewesen.
Aber er ist jetzt vierzig. Und vor zehn Jahren gab es Jonas noch nicht.
Jonas putzt jetzt vielleicht die Zähne. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich zockt er immer noch, mit dieser Konzentration, mit der nur Neunjährige Dinge tun können, die ihnen verboten sind, die Zungenspitze im Mundwinkel, und wenn er gleich reinkommt, wird Jonas die Switch hinter das Kissen schieben mit einer Geschwindigkeit, die ihn rührt und ärgert zugleich. Und dann werden sie das Ritual machen. Zähne putzen. Schlafanzug. Ein Kapitel. Das Licht aus, das andere Licht an, das mit dem Mond.
Er steht also da, an der Ecke, und denkt: Wenn ich jetzt pisse, wer bin ich?
Das ist die Frage, die er sich nüchtern nie stellen würde, weil sie nüchtern albern klingt. Aber er ist nicht nüchtern, und auf dem Heimweg, allein, halb eins, sind die albernen Fragen die einzigen, die etwas wert sind.
*
Er könnte sagen: Ich bin jetzt Vater. Er könnte sagen, dass er einhält, weil er das Bild von sich nicht ruinieren will, dieses Bild, das er selbst aufgehängt hat, vor sich, vor seinem Sohn. Der Mann, der nicht in den Park pisst, ist der Mann, der seinem Sohn beibringen kann, dass man nicht in den Park pisst. Logisch. Sauber. Ein bisschen langweilig, aber so funktioniert das ja, dieses Vatersein, du tauschst die Verrücktheit gegen die Konsequenz, und das ist okay, das ist sogar gut, das ist Erwachsensein in seiner Reinform.
Aber.
Es gibt da diesen anderen Gedanken, der sich anschleicht wie ein Hund, der weiß, dass er nicht ins Bett darf. Der Gedanke geht so: Was, wenn das Einhalten der eigentliche Verlust ist? Was, wenn das Pissen in den Park, hier und jetzt, halb eins, niemand schaut, die einzige verbliebene Geste echter Freiheit wäre? Diese unsentimentale, körperliche, nicht verhandelbare Freiheit, die sagt: Ich tue, was ich brauche, weil ich es brauche, und ich schulde niemandem eine Erklärung dafür, nicht mal mir selbst.
Das ist der Unterschied. Und er weiß nicht, ob das ein Fortschritt ist.
*
Er denkt an Jonas. Wie Jonas neulich gefragt hat, warum Erwachsene Sachen dürfen, die Kinder nicht dürfen. Er hatte irgendeine Antwort gegeben, die ihm jetzt nicht mehr einfällt. Wahrscheinlich etwas mit Verantwortung. Wahrscheinlich etwas, das er selbst nicht ganz glaubte, während er es sagte.
Die Wahrheit ist: Erwachsene dürfen nicht mehr Sachen. Erwachsene dürfen weniger Sachen. Erwachsene haben sich das Verbieten so gut beigebracht, dass sie das Erlauben verlernt haben. Und das Schlimmste ist, sie nennen das Freiheit, weil sie es selbst gewählt haben.
Aber wenn man die Freiheit wählt, sich einzuschränken — ist das dann nicht der freieste Akt überhaupt? Oder ist es der unfreieste, weil man dabei zusieht, wie das, was man früher einmal war, langsam stirbt, und dazu auch noch nickt?
*
Achthundert Meter. Das Flurlicht. Die Switch hinter dem Kissen. Die Zahnbürste, die immer falsch im Becher steckt. Jonas, der so tun wird, als wäre er die ganze Zeit am Zähneputzen gewesen, und der dabei genau dieses Gesicht macht, das er von sich selbst kennt, von Fotos, vom Spiegel vor zehn Jahren.
Er wiegt das Für und Wider. Er denkt an seinen eigenen Vater, kurz. Er denkt an die zwei Schritte in den Busch, an das Geräusch, das man kennt. Er denkt an den Reflex, der vor zehn Jahren keiner war, sondern Physik. Er denkt darüber nach, ob es einen Unterschied macht, ob er sich entscheidet, weil er Vater ist, oder ob er sich entscheidet, weil er beobachtet wird, auch wenn niemand da ist, der ihn beobachtet, außer er selbst, was im Grunde die strengste Form der Überwachung ist, die je erfunden wurde.
Er schüttelt sich kurz. Mechanisch. Aus reiner Gewohnheit.
Er macht den Reißverschluss zu.
Er bleibt einen Moment stehen, völlig still, und realisiert, in einer Welle, die langsam von unten nach oben durch seinen Körper geht, dass er bereits seit ungefähr neunzig Sekunden auf den dunklen Erdfleck hinter der Hecke am Parkrand pisst, und dass er das die ganze Zeit getan hat, während sein Vater und Jonas und die Frau auf der Treppe und der Mann, der er mal sein wollte, in seinem Kopf eine kleine Konferenz abgehalten haben über die Frage, ob er das tun soll oder nicht.
Die Blase, stellt sich heraus, hatte die Abstimmung schon eröffnet, durchgeführt und ausgewertet, bevor das Plenum überhaupt zusammengekommen war.
Er steht da und schaut auf den Boden. Auf den Boden, der jetzt ein bisschen dunkler ist als vorher.
Er denkt, mit einer Klarheit, die ihn in diesem Moment fast nüchtern macht: Also gut. Also so läuft das jetzt. Der Mann, der ich bin, pisst manchmal noch in den Park. Und der Mann, der ich bin, ist immer noch frei genug, das zu tun, ohne sich davor zu rechtfertigen.
Aber — und das ist der Gedanke, der eine Sekunde später kommt, leiser, klarer, und ihm zum ersten Mal an diesem Abend wie eine Art kleiner Sieg erscheint — der Mann, der ich bin, würde das nie tun, wenn Jonas dabei wäre.
Das ist es vielleicht. Das ist der Deal. Nicht die Verrücktheit gegen die Konsequenz tauschen. Sondern wissen, vor wem man sie sich erlaubt und vor wem nicht. Die Hecke um halb eins, allein, betrunken: meine Sache. Die Hecke um halb fünf, Sonntagnachmittag, der Sohn an der Hand: undenkbar. Nicht weil es verboten wäre. Sondern weil es eine andere Form von Freiheit gibt, die größer ist als die in den Park zu pissen — nämlich die, sich auszusuchen, was man dem eigenen Kind zeigt und was nicht.
Das ist kein Verlust. Das ist eine Sortierung.
*
Er geht weiter. Achthundert Meter, das Flurlicht, die Zahnbürste. Der Reißverschluss ist zu. Der Park hat seine Meinung jetzt doch noch geäußert, leise, ohne Vorwurf.
Er geht still. Kein Lachen, kein Triumph, nur dieses leise Einverständnis mit sich selbst, das man nicht oft hat im Leben und das man, wenn man es hat, am besten nicht durch Reden ruiniert.
Jonas wird die Switch hinter dem Kissen haben. Er wird so tun, als hätte er die Zähne geputzt. Und sein Vater wird hereinkommen, wird ihn anschauen, wird genau wissen, was er getan hat — und wird trotzdem nichts sagen.
Nicht, weil er nichts zu sagen hätte. Sondern weil er heute Abend gelernt hat, dass es Momente gibt, in denen ein Vater den Mund hält, nicht aus Schwäche, sondern aus Größe. Weil er selbst gerade eine kleine Hecke hinter sich hat, die er Jonas nicht gezeigt hat und wahrscheinlich nie zeigen wird. Und weil die Switch hinter dem Kissen, in der großen Buchhaltung dieses Lebens, ungefähr so schwer wiegt wie das, was er nicht erzählen wird.
Er wird das Licht im Flur ausmachen. Er wird sich hinlegen, allein in der stillen Wohnung. Und er wird, kurz bevor er einschläft, an etwas denken, das ihm der vierzigjährige Mann an der Hecke heute Abend beigebracht hat: dass Vatersein nicht heißt, alles richtig zu machen. Es heißt, ab und zu abzuwägen und sich dabei nicht allzu sehr zu verbiegen..